Black Hills

Wir alle kennen diese Bilder: Nahaufnahmen der menschlichen Iris, fotografischen Abbildern des Universums verblüffend ähneln. Und die uns auf verstörende Art und Weise mitteilen, dass jeglicher Maßstab eine Illusion ist. Ebenso kennen wir alle folgende Situation: Wir liegen krank im Bett, halb im Schlaf, halb im Fieber – und vor unseren Augen türmen sich die Wellen der Bettdecke auf wie das imposanteste Hochgebirge. Nur in dieser Fokussierung nachvollziehbar. Nur für uns bestimmt. Und: Ich bin mir sicher, wir erleben dann alle diesen Moment, dass es wirklich die Schluchten und Gipfel eines Hochgebirges SIND. Dass der Maßstab eine völlige Illusion ist. Wenn wir uns dann in den Fieberschlaf flüchten und sich die Schluchten unserer Bettdecke mit dramatischen Abenteuern anfüllen, dann wissen wir, dass wir unsere bisherige Vorstellung von Realität als fehlerhaft abhaken können. Leider vergessen wir das während des Schlafes. Immer und immer wieder. Ich liege also in meinem Hospizbett. Das Fenster ist weit geöffnet. Draußen setzt sich der Frühling mit warmer Luft, fast vergessenen Düften und vor allem mit der Macht des Lichts gegen die letzten Reste des Winters durch. Wenn man gerade mit Sterben beschäftigt ist, wirkt dieser Vorgang wie eine absolute Ungeheuerlichkeit. Ich glaube nicht, dass man sich mehr verraten fühlen kann. An der Wand meines Zimmers die esoterischen Aquarelle, die mit stumpfsinnigen Ellipsen und Strudeln an den ewigen Kreislauf des Lebens erinnern sollen. Ich ignoriere diese Bilder von Tag Eins an. Das Gute am Sterben ist die ständige Müdigkeit in den Wochen zuvor. Dass man immer und jederzeit einschlafen kann. Eine wunderbare Sache, zumindest, wenn man gern schläft. Ich träume viel und ich glaube sogar, es ist mir gelungen, mir zu wünschen, was ich träume und die Handlung zu steuern. Luzid träumen zu können und todkrank zu sein (solange noch keine Schmerzen da sind) eröffnet gewissermaßen Paralleluniversen.

Wird fortgesetzt …